| Stadtplan der Erinnerung |
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| Escrito por Bettina Reis | ||
| Lunes, 28 de Febrero de 2000 02:00 | ||
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n.N. - das Kürzel steht in Lateinamerika für Menschen, deren Identität nicht feststellbar ist, die als “unbekannt” beigesetzt oder in Massengräbern verscharrt werden. Oft handelt es sich dabei um “Verschwundene”, Opfer von willkürlicher Verhaftung, Folter, Mord. Ihre Angehörigen erfahren nie von ihrem Tod. Zwei Kunststudenten in Kassel, der Kolumbianer Erick Arellana Bautista und der Spanier Pedro Campoy, wollen den n.N. Kolumbiens ihre Identität zurückgeben und erreichen, daß die Straßen im Zentrum von Bogotá nach “Verschwundenen” benannt werden. Ein Interview mit Erick Arellana Bautista.
Was motiviert Sie, gerade dieses Projekt in Angriff zu nehmen? Meine Mutter wurde im August 1987 von Leuten der 20. Militärbrigade in Bogotá verschleppt. Meine Familie wurde daraufhin Mitglied der kolumbianischen Gruppe der Familienangehörigen der “Verschwundenen”, ASFADDES. Im Juli 1995 stellte die kolumbianische Disziplinaranwaltschaft den Antrag, den General, der für das gewaltsame Verschwindenlassen meiner Mutter verantwortlich war, zu entlassen. Das war das erste Mal in der kolumbianischen Geschichte, daß ein General im aktiven Dienst wegen Verletzung der Menschenrechte so bestraft wurde. Meine Familie, besonders die Schwester meiner Mutter, Yanette Bautista, die lange Vorsitzende von ASFADDES war, wurde Opfer von Drohungen und Repressalien. Im Juli 1997 erhielten wir Informationen, dass dieselben Täter, die meine Mutter verschleppten, mich “verschwinden” lassen sollten. Seit dieser Zeit lebe ich in Deutschland. Wer ich bin und woher ich komme beantwortet die Frage, warum ich diese Arbeit mache. Wie wurde die Idee zum “Stadtplan der Erinnerung” geboren? Pedro Campoy und ich lernten uns im September 1997 kennen. Wir beide lebten erst ganz kurz in Deutschland. Wir diskutierten über das “andere” Kolumbien - das Kolumbien jenseits der Stereotypen Fußball, Mafia, Guerilla. Ich begann an einem Dokumentarfilm mit dem Titel “Notausgang” zu arbeiten. Er handelt von kolumbianischen Menschenrechtlern im Exil. Pedro beschäftigte sich mit einer Arbeit über “Erinnerungskörper”. Wir suchten einen gemeinsamen Raum für unsere Reflektionen und beschlossen, die Erinnerung in Kolumbien zu “rehabilitieren”. Wir stellten Recherchen an, suchten neue Möglichkeiten, beschäftigten uns mit dem “non Nato”, dem Problem der “Verschwundenen”. Wir suchten Mechanismen, die es erlauben, eine Diskussion über das wirklich Geschehene, eine Debatte über die Erinnerung, anzuregen. In Deutschland ist es nichts Außergewöhnliches, Straßen Namen zu geben. In Ihrem Projekt geht es darum, ein Straßensystem, das mit Hilfe von Zahlen gegliedert ist, durch Namen zu ersetzen. Warum? Die Straße ist der wichtigste öffentliche Raum. Deshalb nahmen wir uns vor, die Straßen neu zu benennen. Dass in Kolumbien die Straßen nach US-Manier durch Zahlen gegliedert werden, hat dazu beigetragen, das kollektive Gedächtnis auszulöschen. Unsere Aktion beschränkt sich nicht darauf, den Straßen Namen zu geben; vielmehr verwenden wir dies als einen Mechanismus, der es den Angehörigen der Opfer von Menschenrechtsverletzungen erlaubt, das zu sagen, was sie loswerden müssen. Sie sind es, die den Straßen die Namen ihrer “Verschwundenen” geben werden. Mit dieser Aktion sollen die “Verschwundenen" einen konstanten Raum bekommen. Sie wollen im Zentrum von Bogotá 70 Straßen nach “Verschwundenen” benennen. Nach welchen Kriterien haben Sie diese Personen ausgewählt? Wir haben eine Namensliste genommen, die von der Angehörigengruppe ASFADDES ausgearbeitet wurde und die Namen von “Verschwundenen" aus verschiedenen Landesteilen enthält. Diese Namen stehen auch stellvertretend für Gewaltflüchtlinge, für die Menschen, die vor dem Kugelhagel in die Städte fliehen müssen. Die Vertriebenen sind in den Städten nicht willkommen. Welches politische Ziel verfolgen Sie mit dieser Aktion? Wir könnten sagen, dass das politische Handeln in Kolumbien das Scheitern aller Prinzipien des menschlichen Zusammenlebens ist. Eigentlich gibt es in Kolumbien eine Demokratie ohne Volk. Deshalb halten wir es für wichtig, Räume zu öffnen, in denen die Leute teilhaben und sich von ihren Bedürfnissen ausgehend artikulieren können. In diesem Sinne ist unsere Arbeit ein Versuch, politische Möglichkeiten außerhalb der Sphäre, die heute als politischer Raum verstanden wird, zu entwickeln. Wir müssen neu definieren, was wir unter Politik verstehen, und zur polis zurückkehren, als einer Organisationsform, die unter den Leuten, für sie und durch sie entsteht. Deshalb arbeiten wir mit der Idee der Politik auf der Straße, wir wollen mit der Distanz brechen, die der politische Diskurs geschaffen hat. Der erste Raum, den wir rekonstruieren müssen, ist die Straße. Welche Schritte haben Sie vor, damit die Straßen wirklich das Gesicht der “Verschwundenen" bekommen? Die Arbeit in Deutschland ist darauf ausgerichtet, die Geschichte Kolumbiens zu erzählen, die die Medien verschweigen. Wir reden über die Interessen Europas in Kolumbien, über das, was vorgefallen ist, als sich europäische Unternehmen dort einrichteten. Es geht uns um eine Analyse dessen, was in Kolumbien geschieht und was das im internationalen Kontext bedeutet. Bei der Arbeit in Kolumbien hat das Projekt einen eher praktischen Ansatz. Wir versuchen, eine Debatte über die Erinnerung anzuregen, und begleiten diesen Prozess mit unterschiedlichen Aktionen. Es geht darum, Diskussionsräume zu öffnen, in denen die Angehörigen selbst die Geschichte der “Verschwundenen" erzählen. Das ist für uns ein unersetzliches Element. Wir arbeiten mit Nichtregierungsorganisationen, Universitäten und den Medien zusammen. Die Arbeit besteht aus Vorträgen über die Situation in Kolumbien, der Darstellung von Fällen gewaltsamen Verschwindenlassens und dem Projekt n.N. Es sollen tausend Karten und Broschüren gedruckt werden, um sie auf öffentlichen Plätzen, in Bibliotheken, Universitäten und Organisationen zu verteilen. Außerdem gibt es eine Foto-Aktion, die sich mit der Erinnerung, dem Vergessen, dem Bild und den Medien beschäftigt. Wir wollen auch eine Internetseite als Ort des Dialogs einrichten. In anderen lateinamerikanischen Ländern sind schon Straßen nach Opfern von Menschenrechtsverletzungen benannt. Wie ist das in Kolumbien? Gibt es Straßen, Plätze oder andere symbolische Formen, durch die Opfer von Unrecht gewürdigt werden? In ganz Lateinamerika, nehmen wir als Beispiele Chile, Argentinien oder Guatemala, beobachten wir das Dilemma zwischen Erinnerung und Vergessen, Gerechtigkeit und Vergeben. In Kolumbien fängt die Diskussion darüber erst an. Wir kennen die Erfahrung der Fundación Manuel Cepeda, einer Menschenrechtsorganisation, die eine Straße nach Manuel Cepeda (Senator, einer von über 3.000 ermordeten Kommunisten in den vergangenen zehn Jahren - d. Red.) benannt und ihm ein Denkmal gesetzt hat. Auch die Plaza de las Nieves, ein Platz im Zentrum von Bogotá, wurde vor kurzem in Eduardo Umaña Mendoza-Platz umbenannt (bedeutender Menschenrechtsanwalt, der am 18. April 1998 ermordet wurde - d. Red.). Auch wurden Gedenkstätten für die Opfer der Massaker in den Dörfern Trujillo im Departement Valle del Cauca und in San José de Apartadó in der Provinz Urabá geschaffen. Aber das ist kein einfaches Unternehmen, weil der bewaffnete Konflikt in Kolumbien noch in vollem Gange ist und die Möglichkeiten unserer Arbeit einschränkt. Interview: Bettina Reis Das Interview entnehmen wir in gekürzter Form mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift ila, Ausgabe 5/99. Erick Arellana Bautista ist der Neffe von Yanette Bautista, die für ihr Engagement im Dezember 1998 mit dem ai-Menschenrechtspreis ausgezeichnet wurde. Nähere Informationen zum Projekt von Erick Arellana Bautista und Pedro Campoy: ISKA, Oberste Gasse 24, 34117 Kassel, Tel. 0561/77 28 94, Fax 0561/14153, e-mail:
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