| Erben der Verschwundenen |
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| Escrito por Amnesty International |
| Martes, 30 de Septiembre de 1997 02:00 |
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amnesty journal September 1997 Erben der "Verschwundenen" "Am 28. August 1987 verließ mein Lebensgefährte Cristóbal das Haus seiner Eltern und kam nie wieder. Vergeblich warteten wir am darauffolgenden Sonntag auf ihn, als wir die Erstkommunion meiner Tochter und des Sohnes meiner Schwester Nydia Erika feierten. Wir konnten uns noch nicht vorstellen, daß Nydia das nächste Opfer sein würde. An jenem Sonntag - es war der 30. August - ging sie um sechs Uhr abends von zu Hause fort, um eine Freundin zum Bus zu begleiten. Auch sie kehrte nicht zurück." So schildert die kolumbianische Menschenrechtlerin Yanette Bautista den Beginn der traumatischen Erlebnisse, die ihr Leben völlig verändert haben. Kürzlich kam sie zu einem Besuch nach Bonn und legte einen Vorabdruck ihrer Lebensgeschichte vor, die Anfang 1998 unter dem Titel "Kolumbien: Zwischen Terror und Hoffnung" in der Reihe "Misereor-Dialog" erscheinen wird. Yanette Bautista wurde 1956 als zweites von 16 Kindern in ärmlichen Verhältnissen geboren. Anders als ihre ältere Schwester Nydia, die sich schon früh für die sozialen Verhältnisse in Kolumbien zu interessieren begann, dachte Yanette vor allem an ihr berufliches Fortkommen. Während sich Nydia als Soziologiestudentin an der Universität politisch engagierte, arbeitete die jüngere Schwester als Chefsekretärin einer namhaften Firma. Über Nydia allerdings lernte Yanette dann ihren späteren Lebensgefährten Cristóbal Triana kennen. Als sie erfuhr, daß die beiden Aktivisten in der politischen Abteilung der damaligen Guerillabewegung M-19 waren - eine seit 1990 zugelassene politische Partei -, konnte sie nicht mehr ruhig schlafen. "Ich ahnte, daß ihnen der Tod immer auf den Fersen sein würde. Manchmal verschwanden sie für einige Zeit, und ich mußte mich daran gewöhnen, keine Fragen zu stellen. Wenn sie an die Tür klopften, mußten wir uns vergewissern, daß ihnen niemand gefolgt war, und wenn sie zu Hause waren, mußten wir immer wieder durch das Fenster spähen, um sicherzugehen, daß sich keine fremden Leute im Stadtteil herumtrieben." Als die beiden schließlich in den Untergrund gingen, war die Familie nur noch selten vereint. Doch bei der Feier der Kommunion ihres Sohnes Erik wollte Nydia nicht fehlen. Sie kam nach Hause - der Geheimdienst schlug zu. Yanette Bautista erinnert sich: "Als sie in jener Nacht nicht kam, dachten wir, sie sei mit zu ihrer Freundin nach Hause gegangen. Am nächsten Tag tauchte sie immer noch nicht auf und meldete sich auch nicht. Deshalb fingen wir an, bei ihren Freunden nach ihr zu fragen. Niemand wußte etwas von ihr. Wir verfolgten den Weg, den sie gegangen war, und fragten alle Passanten. Wir forschten in Geschäften und Kaufhäusern nach, bis ein Zeuge uns sagte, eine junge Frau, auf die unsere Beschreibung paßte, sei von acht bewaffneten Männern verprügelt, festgehalten und dann in einen Jeep vom Typ Suzuki gestoßen worden. Er hatte das Nummernschild notiert: SJ-410. Danach sei der Wagen gegen die Einbahnstraße davongefahren. Wir dachten uns, sie sei von der Polizei oder der Armee verschleppt worden. Vergeblich suchten wir in den darauffolgenden Tagen und Wochen auf Polizeiwachen und in Kasernen nach ihr, aber dort bestritt man, sie verhaftet zu haben." Auch die Suche in Krankenhäusern und Gefängnissen, auf Müllkippen, Friedhöfen und in Leichenhallen blieb vergeblich. Diese Zeit veränderte Yanette Bautista. Sie begann ihre Umwelt mit anderen Augen zu sehen - "die andere Seite der Medaille" wahrzunehmen, die sie, wie sie sagt, vorher nicht wahrhaben wollte: "Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, daß Nydia und Cristóbal 'verschwunden' waren und wie viele andere zum Tod, zum Verschweigen, zum Vergessen verurteilt waren. Ich tauschte meine hochhackigen Schuhe, meine Chefsekretärinnenkleidung und meine langen Augenblicke vor dem Spiegel gegen Jeans und Turnschuhe." Sie gab ihren Job auf und stellte von nun an ihr Leben in den Dienst der "Vereinigung der Angehörigen von verschwundenen Verhafteten" (ASFADDES). Diese Organisation versucht, das Schicksal der betroffenen Menschen aufzuklären und die Täter vor Gericht zu bringen. Heute ist Yanette Bautista juristische Koordinatorin der ASFADDES und Präsidentin des lateinamerikanischen Dachverbandes FEDEFAM. Drei Jahre nach dem "Verschwinden" von Nydia Bautista legte der Armeeoffizier Bernardo Alfonso Garzón ein überraschendes Zeugnis ab: Nydia sei von einer Einheit des Geheimdienstes der 20. Militärbrigade festgenommen worden. Man habe sie auf einen Bauernhof gebracht, wo sie eine Woche lang gefangengehalten worden sei, bevor man sie in einem Ort namens Quebradablanca umbrachte. Sie sei unter unbekanntem Namen auf dem Friedhof von Guayabetal, zwei Stunden von Bogotá entfernt, begraben worden. Mit Hilfe der Staatsanwaltschaft wurde die Leiche gefunden und exhumiert. Yanette Bautista identifizierte ihre Schwester anhand von Kleidungsresten und Ohrringen, die sie am Tag ihres "Verschwindens" getragen hatte. Im Protokoll hieß es, die Tote sei mit gefesselten Händen und entstelltem Gesicht gefunden worden. Sie habe keine Unterwäsche getragen, was auf eine Vergewaltigung schließen lasse. Von Cristóbal Triana fehlt bis heute jede Spur. Aufgrund der Aussagen des Armeeoffiziers begann die Staatsanwaltschaft, gegen die mutmaßlichen Täter zu ermitteln. Am 14. Juli dieses Jahres veröffentlichte die Menschenrechtsabteilung des Präsidialamts von Kolumbien Hergang und Stand der Straf- und Disziplinarverfahren im Fall Nydia Erika Bautista. Dieser Bericht macht einmal mehr deutlich, auf welche Weise Täter von Menschenrechtsverbrechen trotz erdrückender Beweise straflos bleiben: Am 17. März 1995 - fünf Jahre nach den Aussagen des Offiziers Garzón - erklärte die Generalstaatsanwaltschaft die Eröffnung des Strafverfahrens gegen den General der 20. Brigade, Alvaro Velandia Hurtado, und andere. Am 5. April wurde das Verfahren an die zuständige regionale Staatsanwaltschaft von Santafé de Bogotá übergeben. Am 22. Juni entschied ein Verwaltungsgericht im Rahmen des Wiedergutmachungsprozesses, den die Familie Bautista angestrengt hatte, daß das Verteidigungsministerium für den Tod von Nydia verantwortlich ist. Am 5. Juli wurde der verantwortliche General Velandia vom Dienst suspendiert. Im Oktober wurde die Menschenrechtsabteilung der Generaldisziplinaranwaltschaft mit den Ermittlungen im Strafverfahren beauftragt. Am 10. September 1996 erhob der Kommandant der 20. Brigade, Oberst Bernardo Ruiz Silva, Einspruch gegen die Zuständigkeit der zivilen Institution für das Verfahren, nachdem diese Haftbefehl gegen drei Unteroffiziere der Brigade unter dem Verdacht des "Verschwindenlassens" und der Ermordung von Nydia Erika Bautista erlassen hatte. Am 11. Dezember gab der Oberste Gerichtshof dem Einspruch statt und enschied, daß das Strafverfahren der Militärgerichtsbarkeit zu überstellen sei. Ende Januar 1997 setzte dann das Militärgericht die drei Angeklagten auf freien Fuß, da nach dem Militärstrafrecht die Fristen für die Einleitung eines Verfahrens verstrichen seien. Alle drei sind wieder im aktiven Militärdienst. Yanette Bautista und Nydias 23jähriger Sohn Erik Antonio Arellana kämpfen weiter, um die Schuldigen hinter Gitter zu bringen - trotz der ständigen Bedrohung, der sie seit Beginn der Verfahren im Jahr 1995 ausgesetzt sind. So hat Yanette Bautista bereits mehrmals telefonische Morddrohungen erhalten. Sie wird regelmäßig beschattet, ihr Telefon wird abgehört. Erik, der Yanette Bautista nach Europa begleitete, war 13 Jahre alt, als seine Mutter Nydia für immer "verschwand". Fünfmal mußte die Familie aus Sicherheitsgründen die Wohnung wechseln. Seit sich der Publizistikstudent in der Jugend- und Menschenrechtsarbeit engagiert, wird auch er beschattet. Er fühlt sich in seinen sozialen Kontakten eingeschränkt, denn: "Ich habe Angst, andere in Gefahr zu bringen. Außerdem bin ich neuen Kontakten gegenüber mißtrauisch. Ich gehe so wenig wie möglich aus dem Haus." Die Möglichkeit, sich aus der gefährlichen Menschenrechtsarbeit zurückzuziehen, weist er jedoch entschieden zurück: "Wir, die Kinder der 'Verschwundenen', sind ihre Erben. Erben des Kampfes für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit. Wir können unsere Vergangenheit nicht verleugnen. Wir sind von ihr geprägt. Der Kampf für die Menschenrechte ist Teil meiner Leidenschaft für das Leben. Tenemos que continuar - Wir müssen weitermachen." Im Juni dieses Jahres erhielt die Familie den Hinweis, daß es einen geheimen Befehl des Militärs gebe, nun auch Erik wie seine Mutter "verschwinden" zu lassen. Während ihres Besuches in Bonn überreichte Yanette Bautista dem Leiter des Arbeitsstabs Menschenrechte im Auswärtigen Amt ein Schreiben, in dem die Bundesregierung aufgefordert wird, sich stärker für die Einhaltung der Menschenrechte und den Schutz der Menschenrechtler in Kolumbien einzusetzen. Eine ihrer Forderungen betrifft die Ausrüstungshilfe der Bundesrepublik für die Sicherheitsorgane: "Lassen Sie deutsch-kolumbianische Programme im Bereich der wirtschaftlichen Zusammenarbeit einfrieren, die den Sicherheitsorganen, der Polizei oder den Streitkräften direkt oder indirekt zugute kommen, deren Mitglieder aufgrund schwerer Menschenrechtsverletzungen in Straf-, Zivil- oder Disziplinarverfahren verwickelt sind." Claudia Oberascher |





